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Einwanderungspolitik: Boat people

Australiens größte, schwierigste und umstrittenste Debatte – die Einwanderungspolitik. Sie werden gerne abwertend »Boat people« genannt, gemeint sind Flüchtlinge, die ihr Leben auf offener See riskieren, um die Küste Australiens und – in ihren Augen – das Land der Freiheit zu erreichen. Das Problem ist nur, hier will sie niemand.

Es ist ein schwieriges Thema, an das ich mich kaum heran wage. So verzwickt, so umstritten, so verfahren, so zerredet. Als Außenstehender fällt es schwer, sich bei dieser endlosen Debatte Durchblick zu verschaffen. Das erste was jedoch ins Auge sticht – auch wenn man das Thema nur am Rande mitbekommt – ist die Diskussion darüber, was ein Flüchtling, also jemand der um Asyl ansucht, eigentlich ist. Denn viele Australier sind der Meinung, dass all diese Leute, die mit dem Boot unter Lebensgefahr hier ankommen, gar keine richtigen Flüchtlinge sind, sondern eben Leute, die schlicht und einfach die Hoffnung auf ein besseres Leben in Australien haben (also wirtschaftliche Flüchtlinge). Dann frage ich mich aber, riskiert ein normaler Mensch wirklich sein Leben (und sterben tun viele auf der Überfahrt) oder das Leben seiner Kinder, nur um im »Traumland Australien« leben zu können? Ist ein Leben in völliger Armut, ohne Perspektiven, ohne Bildung, ohne Jobs nicht Grund genug?

»Die wollen kein Asyl, die wollen eine Permanent Residency in dem Traumland ihrer Wahl. Sonst hätten sie sich doch genau so gut an der Tür eines anderen Landes anklopfen können. Schließlich muss jeder dieser so genannten Flüchtlinge auf dem Weg nach Australien durch andere Länder reisen, bevor er in See stechen kann.« Solche oder so ähnliche Aussagen sind hier an der Tagesordnung. Viele Australier zeigen absolutes Unverständnis gegenüber den »Boat people«. Das allgemeine Gedankengut wird von Geiz, Hass und einer vehementen Abwehrhaltung regiert. Das Wort Bedrohung spielt dabei eine zentrale Rolle.

»Jene die mit dem Boot hierher kommen, drängeln sich vor und tun damit jedem Unrecht. Ist ja praktisch wenn man es sich leisten kann nach Indonesien zu fliegen, dann seinen Pass wegschmeißt um sich auf die Überfahrt nach Australien zu begeben und dort um Asyl ansucht. Währenddessen sind andere wirtschaftlichen Flüchtlinge brav zu Hause geblieben, um auf dem korrekten Wege um Asyl zu bitten. Boat people sollen sich hinten anreihen, wie jeder andere auch!« Genau diese Meinung vertreten auch viele Politiker und nennen diese folglich »illegale Asylansuchende«. Keiner der aber offiziell um Asyl ansucht – egal ob er mit dem Boot kommt oder es auf andere Weise macht – ist jedoch per Migration Act von 1958 als illegal zu bezeichnen. Die Zahl der tatsächlichen Illegalen (Menschen die sich ohne gültigem Visum in Australien aufhalten) ist 10 x höher, als die der Asylansuchenden. Zudem besteht jene Gruppe zumeist aus Briten, Iren und Amerikaner, die ihre Visen überziehen.

Wenn man so die Zeitungen liest und Radio hört und mitbekommt, was Politiker sagen und wie die Medien darüber berichten, dann könnte man wirklich den Eindruck gewinnen, dass Australien nahezu von Flüchtlingen überschwemmt wird. Jetzt interessieren mich aber auch die Fakten, die man natürlich nirgends liest. Und die schauen laut dem Bericht der UNHCR im internationalen Vergleich doch irgendwie anders aus als erwartet. Australien ist nämlich nicht – wie man hier durch die Medien den Eindruck gewinnt – eines der Länder, in denen eine unglaubliche Masse an Menschen jedes Jahr um Asyl ansucht. Im Gegenteil. Von 441.300 Asylsuchenden im Jahre 2011, haben 327.000 in Europa um Asyl gebeten. Das sind knapp 75% aller Antragsteller! Nach Ländern aufgeteilt schaut das ganze so aus:

1. Platz:    74.000 USA
2. Platz:    51.900 Frankreich
3. Platz:    45.700 Deutschland
4. Platz:    34.100 Italien
5. Platz:    29.000 Schweden

Platz sechs bis zwölf sind von Belgien, United Kingdom, Kanada, Schweiz, Türkei, Österreich und den Niederlanden belegt. Dann folgt Australien auf 13. Stelle mit 11.800 Asylansuchenden. Das sind nur 3% aller Antragsteller auf der ganzen Welt! Die USA hatte im Vergleich dazu 17% und Deutschland 10%. Man könnte also auch das kleine Österreich, das nur ein Drittel von Australiens Einwohnern hat und nur knapp ein Zehntel dessen Fläche misst, miteinander vergleichen: Beide müssen pro Jahr die gleiche Anzahl an Asylansuchenden bewältigen. Fakt ist auch, dass nach wie vor Europa, USA und Kanada die attraktivsten Länder für Flüchtlinge sind. Das »Traumland Australien« ist da – anders als behauptet – nicht dabei. Wenn die Australier also auch fähig wären, nicht nur alles nachzuplappern was einem von den Massenmedien hier eingetrichtert wird und stattdessen mal über den Tellerrand bzw. über die Grenzen Australiens hinausschauen würden, dann wäre ihnen vielleicht auch bewusst, wie unangebracht und peinlich ihr Verhalten eigentlich ist. Link zur UNHCR

Warum genau hat also Australien so ein massives Problem mit Flüchtlingen? Warum hat man hier solche Angst davor, überschwemmt zu werden? Warum dieser Hass und diese ganze Propaganda gegen Asylansuchende, die mit dem Boot hier ankommen? Kein Land nimmt Flüchtlinge mit offenen Armen auf. Kein Land kann dieses Thema auf die leichte Schulter nehmen. Aber warum ausgerechnet Australien – das sich nach Außen hin als Einwanderungsland schlechthin gibt und wo fast jeder ein Elternteil oder Großeltern hat, die eingewandert sind – sich in so eine Lage bringt und sich hinter der Fassade als rassistisches und voreingenommenes Land entpuppt, darüber kann ich nur den Kopf schütteln.

Ein Journalist hat dieses australische Problem treffend beschrieben: »Als Nation sind wir stolz auf unser Konkurrenzdenken, wir streben die Top 5 in den Olympics an, den Titel der besten Cricket-Nation der Welt und den Preis für den Rugby World Cup. Aber wenn es um Mitgefühl geht, dann scheinen wir entschlossen zu sein, die Latte so niedrig wie möglich zu halten ... In anderen Worten: Wir sind eine der geizigsten Nationen der Welt, wenn es um die Unterstützung von Flüchtlingen geht. Da haben wir doch etwas, worauf wir stolz sein können. Oder nicht?« Link zum Artikel

No worries!

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