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Taktgefühl, Harmonie und Kritikunfähigkeit

Hin und wieder bereiten mir die Australier mit ihrer Kritikunfähigkeit wahres Kopfzerbrechen. Manchmal ist es einfach mühsam, immer alles durch die Blume sagen zu müssen und auf Zehenspitzen um ein Thema herum zu schleichen. Denn mit offener Kritik kann man hier nun beim besten Willen nichts anfangen. Wozu auch die gut gepflegte Harmonie zerstören? Lieber sind alle happy, als dass einer mal offen und ehrlich seine Meinung sagt. Das wäre in den meisten Fällen nämlich absolut daneben. Taktlos. Und es kann mitunter auch im Berufsleben zu verzwickten Situationen führen. Aber selbst im privaten Bereich tun sich die Australien schwer damit, offen zu sein. Wieso sollte man auch die gute Stimmung verderben und seinen besten Freund darauf aufmerksam machen, dass er was zwischen den Zähnen hat? Das würde doch nur zu einer komischen Situation führen. Und verlegen sind die Australier ja auch nicht gerne. Nein, da tut man lieber so, als würde einem dieses leuchtend grüne Etwas gar nicht auffallen. Man will den anderen schließlich nicht in eine peinliche Lage versetzen, in dem man ihn kritisiert!

Es wäre in diesem speziellen Falle also absolut taktlos, ehrlich zu sein. Komisch, fragt man die Australier, dann ist es aber genau umgekehrt: Sie empfinden nämlich unsere Offenheit in Situationen wie dieser als taktlos. Hätte ich die Person darauf aufmerksam gemacht, dass da was zwischen den Zähnen steckt, dann wäre das schlicht und einfach unhöflich gewesen. Als würde ich mit dem Finger zeigen und laut ausrufen: »HEEE! DIR STECKT DA WAS ZWISCHEN DEN ZÄHNEN, MACH DAS MAL WEG!« So oder so ähnlich bloß gestellt müssen sie sich wohl fühlen.

Anders herum würden wir wohl oft den australischen Humor als unangemessen empfinden. Grade wenn man erwähnt, dass man Österreicher oder Deutscher ist und dann zur Begrüßung ein »Heil Hitler« an den Kopf geknallt bekommt, wundert man sich irgendwie. Soll man da nun lachen? Die Australier finden’s alle mal lustig. Ein Lächeln schaff ich da gerade noch, mehr geht aber nicht. Wer ist hier also taktlos?

Es scheint doch, dass hier ein bisschen eine Widersprüchlichkeit vorliegt. Im Grunde sind die Australier nämlich ein lockeres und unkompliziertes Volk, das immer zu Scherzen aufgelegt ist. Aber wieso ist es dann so schlimm, wenn man jemandem zum Beispiel einen gut gemeinten und vor allem ehrlichen Ratschlag gibt? Auch wenn man nicht derselben Meinung ist, hat man doch für einen Freund nur das beste im Sinn. Ich kann es mir nur so erklären, dass das was wir als »konstruktive Kritik« verstehen, hier als persönlicher Angriff, als eine Art Bloßstellung interpretiert wird. Denn sehr viel lieber hat man hier einfach nur Harmonie – oder zumindest den Anschein davon. Ob das wohl das Geheimnis der glücklichen Australier ist?

No worries!

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