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Surfbug

Ich bin krank, ich habe mir einen australischen Virus eingefangen, der sich als äußerst hartnäckig erweist: Den Surfbug. Wer einmal den Biss hatte und so weit gekommen ist, eine ungebrochene Welle zu surfen, der ist mit ziemlicher Sicherheit verloren. Adrenalin und Glücksgefühle strömen durch den Körper. Man fühlt sich, als hätte man etwas erreicht und als wäre man so ziemlich Eins mit der Natur. Ähnlich wie wenn man mit seinem Snowboard oder den Schiern auf der Spitze eines Berges steht, die kalte Luft einatmet und auf den verschneiten Abhang unter sich blickt.

Richtig gut surfen zu lernen, braucht aber viel Ausdauer und Zeit. Es schaut sehr einfach aus, ist aber ähnlich wie Schi fahren: Man braucht viele Jahre um es zu perfektionieren. Meiner Meinung nach ist es sogar noch um einiges schwieriger. Aber auch die kleinen Erfolge, die sich nach einer Weile einstellen, sind schon riesige Schritte. Man muss in erster Linie viel Geduld mitbringen, denn jeder Tag da draußen ist anders. Die Natur macht, was sie will und wir müssen uns nach ihr richten. Es ist ein ständiges Auf und Ab – an manchen Tagen geht der Ozean ruhig und sanft mit uns um, an anderen ist er unberechenbar und rau.

Das erste Mal mit dem Surfboard im Wasser, hat man zuerst einmal Angst. Oder zumindest fühlt man Unbehagen. Man weiß nicht, was einen erwartet, man ist schließlich nicht am Ozean aufgewachsen und wenn überhaupt, dann kennt man nur das ruhige Mittelmeer. Der pazifische Ozean ist eine ganz andere Liga. Hier gibt es hohe Wellen, die eine unglaubliche Kraft haben und starke Strömungen die unerfahrene Touristen immer wieder in gefährliche Situationen bringen. Dann sind da noch Quallen und Haie, Gefahren die man nicht komplett ignorieren kann. Auch wenn sich die Vorfälle in Grenzen halten, werden doch immer wieder Haie gesichtet – ein Surfer dringt schließlich in deren Jagdgebiet ein. Mit dieser Tatsache muss man sich wohl einfach arrangieren.

Ich selber habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich mich an den wilden Ozean gewöhnt habe. Es hat mich mitunter viel Überwindung gekostet. Man fühlt sich erstmals, als hätte man keine Kontrolle darüber, was da geschieht – kein Wunder, man kennt es ja auch nicht. Ähnlich muss es einem Australier gehen, der das erste Mal in den Alpen Schi fahren geht und noch nie wirklich Schnee gesehen hat. Dies sorgt auch immer wieder für Diskussionsstoff mit meinen australischen Surfkollegen – denn für sie ist Surfen der sicherste Sport der Welt und Snowboarden an diesen steilen Hängen in den Bergen da, das sei ja so was von gefährlich, da kann viel zu viel passieren. Ich sehe das genau anders rum: Beim Surfen kann dich schnell mal ein Brett am Kopf treffen und verletzen, eine Welle kann dich runter drücken und dir die Luft zum Atmen nehmen, eine Qualle kann dich stechen oder ein Hai kann dich fressen. So sind die Meinungen verschieden: Was man kennt, gibt einem das Gefühl von Sicherheit. Das Unbekannte jedoch macht einem Angst.

Ich träume also den Fiebertraum vom Surfboard unter mir, meine Füße hängen im Wasser, die Sonne scheint mir ins Gesicht, ich lausche der morgendlichen Stille und dem Geräusch der brechenden Wellen, den Blick gespannt zum Horizont gerichtet, wo sich bald auf wundersame Weise die nächste Welle formen wird.

Für mich ist diese Zeit im Wasser zusammen mit den Australiern und mein Wille in einem mir unbekannten Umfeld etwas Neues zu lernen, meine Art der Anpassung. Es bringt mich diesem Land und seinen Leuten ein Stückchen näher. Ich kann es jedem Auswanderer nur wärmstens empfehlen.

No worries!

FOTO: NINA FISCHER

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