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Gratis arbeiten

Wie man in der Designbranche in Australien am besten einen Job findet? Die Frage ist leicht zu beantworten: Man arbeitet gratis. Hin und wieder habe ich Gespräche mit Australiern, die mir weiter helfen wollen. Mir wertvolle Tipps zur Jobsuche geben wollen. Dabei kristallisiert sich immer mehr heraus, was ich anfangs für die Meinung Einzelner hielt. Wer sich hier nicht auf den Markt stellt und gratis Arbeit anbietet, der hat kaum eine Chance, sich in der Designbranche zu behaupten. Geht man zu einem Jobinterview und man ist neu im Land – egal ob man bereits Arbeitserfahrung im Ausland gesammelt hat oder nicht – dann wird fast schon von einem erwartet, dass man sich zuerst mal gratis anbietet. So quasi um den guten Willen zu zeigen. Natürlich, offen gesagt wird das nicht immer. Die Australier reden ja sowieso gerne um den heißen Brei herum. Aber es kommt dann doch oft die Frage, ob ich mir auch vorstellen könnte, zuerst mal eine Weile probeweise zu arbeiten. Und ob ich dafür eine fixen Stundenlohn erwarte.

Gerade kürzlich hatte ich wieder ein sehr interessantes Gespräch mit einer Australierin. Eine ehemalige Lehrerin, die zuerst auf Modedesign umgestiegen ist und dann auf Innenarchitektur. Ohne jetzt irgendeine spezielle Ausbildung zu machen ... das geht hier nämlich – so lange man bereit ist, ganz unten anzufangen (Kaffee holen, Facebookseite updaten, Telefondienst machen und ähnliches) und sich langsam hochzuarbeiten, stehen einem in Australien alle Türen offen. So hat sich z.B. auch mein Partner vom Elektriker zum Projektmanager für technische Gebäudeausrüstung (Heizung, Klima, Lüftung) hochgearbeitet und betreut kommerzielle Bauprojekte im Wert von mehreren Millionen Australischen Dollar – und das ohne Zusatzausbildung. Jetzt hat mir also auch diese Person Lehrerin/Modedesignerin/Innenarchitektin empfohlen, ich soll doch den Leuten anbieten, für eine Weile ein paar Tage in der Woche gratis zu arbeiten. Hier müsse sich nun mal jeder hocharbeiten und bei Null anfangen. Und sowieso, Berufserfahrung im Ausland zählt nicht.

Seltsamerweise hab ich auch noch nie so viele Anfragen bekommen, Projekte gratis zu machen, wie im letzten Jahr in Australien. Die Leute meinen, wenn ich was gratis mache, dann kann ich es ja nachher in mein Portfolio geben. Also hab ich ja auch was davon. Wie bitte? Ich muss aber auch essen und Miete zahlen wie jeder andere. Was denken sich die Leute also, wenn sie mich das fragen? Warum meint hier jeder, dass Designer gratis arbeiten? Ich gehe ja auch nicht zum Frisör und sage, er kann ein Foto von mir machen und es in sein Portfolio tun und mir dafür gratis die Haare schneiden.

Traurig aber wahr – wie es scheint ist hier wohl weder meine 5-jährige Ausbildung, ein Master in Design, noch ein paar Design Awards und ein Jahr Berufserfahrung und Praktika etwas wert. Auch ich muss ganz unten anfangen. Kaffee holen, Facebookseite updaten, Bilder von RGB in CMYK konvertieren, Designprozesse dokumentieren, Präsentationen vorbereiten, Newsletter schreiben, Rechnungen verschicken und sonstige unkreative Tätigkeiten ausführen – während andere die interessanten Sachen machen. Dabei soll noch angefügt werden, dass ich nichtmal in meiner (bezahlten!) Praktikumszeit vor vier Jahren zu solchen Tätigkeiten »verdammt« wurde. In Australien müsste ich also zuerst mal bei Null – oder besser bei minus Zehn anfangen und dann vielleicht später, wenn ich mich irgendwann bewiesen habe, für ein Gehalt arbeiten, dass anfangs sicher nicht viel höher ist, als was ich jetzt als Bedienung in einem Café verdiene.

Wenn ich den Aussies erzähle, dass ich Grafikdesigner bin, dann finden sie das erstmals immer ganz toll. Als nächstes kommt dann die Frage, ja ob ich einen Kurs dafür gemacht habe. Ich wurde sogar schon allen Ernstes gefragt, ob ich einen High School Abschluss habe. Sich selber als Designer zu bezeichnen, scheint hier irgendwie in Mode zu sein – es kann ja (offensichtlich) jeder schnell mal zum Grafikdesigner, Modedesigner oder Innenarchitekt werden. Kein Wunder also, dass mich die Leute hier ganz verwundert anschauen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich einen Master in Design habe. Als wäre ich von einer anderen Welt ...

Zurück zu der Australierin. Wenn ich sie also richtig verstehe, dann muss ich – wie sie – ganz von vorn anfangen. Als hätte ich keine Ausbildung und keine Erfahrung. So wie sie das auch gemacht hat. Dieser Gedanke deprimiert mich natürlich und ich frage mich dann, wie das System hier wohl funktioniert. Hat überhaupt irgendjemand die Motivation, einen Bachelor oder Master in Design zu machen? Wozu auch, der nützt einem ja offensichtlich nichts. Überhaupt – wozu das ganze Geld verschwenden (studieren ist hier sehr teuer) und die Zeit investieren, wenn man nachher sowieso bei Null anfangen muss? Ganz verstehe ich das noch nicht. Aber ich verstehe immer mehr, warum so viele Leute lieber Schnellkurse ohne Zugangsbeschränkungen machen, um sich zum Designer ausbilden zu lassen. Hier ist dann wohl derjenige der Blödmann, der studieren geht und dem eine gute Ausbildung wichtig ist.

Muss ich mich also dem Markt beugen und in Zukunft gratis Arbeit anbieten? Nein. So lange ich mit Freelancejobs und einem Nebenjob im Café irgendwie über die Runden komme, habe ich das jedenfalls nicht vor. Manche mögen das jetzt überheblich nennen. Oder stur. Die Aussies könnten meinen, ich würde mich zu wenig um einen Job bemühen (bemühen = gratis arbeiten). Ich habe aber einfach immer noch viel zu klar die Worte meiner Lehrer in den Ohren, die uns immer eingetrichtert haben, dass wir uns nicht unter unserem Wert verkaufen sollen – es nützt weder mir was, wenn ein Arbeitsverhältnis bereits auf ausbeuterische Art und Weise beginnt, noch nützt es der Branche was. Es macht sie sogar kaputt. Siehe Australien.

No worries!

Kommentare:

  1. "...The only possibility that could be considered was if you were willing to work for free as a veterinarian in the CAHC..." Die Antwort auf meine Bewerbung! Die spinnen, die Australier. Nachdem ich 1 Jahr dort als nurse gearbeitet habe war das die Antwort.

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  2. Hallo Nina,

    ich bin auf bloggerei.de auf Deinen Blog aufmerksam geworden. Ich hoffe, ich schaffe es in diesem Leben auch noch nach Australien :).

    Ich schreibe Dir, weil ich Anfang des Jahres den Blog koffer-fuer-handepaeck.de gestartet habe auf dem sich alles um die Frage dreht wie man den passenden Koffer für das Handgepäck bei Flugreisen findet. Weitere Infos über mich und meinen Blog findest Du unter:

    http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/bochum/Bochumer-Blogger-gibt-Tipps-zum-Handgepaeck;art932,1870463

    Die Besucher meines Blogs interessiert es brennend, was absolute Reiseprofis wie Du für einen Handgepäckkoffer benutzen. Daher wollte Dich fragen, ob Du Lust hast an einem kurzen Experteninterview auf meinem Blog teilzunehmen. Ich habe einen kurzen Fragenkatalog vorbereitet, indem ich Reiseblogger über Ihre Erfahrungen mit Ihrem Handgepäckkoffer befrage. Selbstverständlich würde ich Dich und Deinen Blog am Anfang des Interviews vorstellen und mit einem Link auf Deine Seite veweisen.

    Bei Interesse sende ich Dir gerne weitere Infos.

    Viele Grüße und alles Gute für das neue Jahr,
    André

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  3. Hallo Clare,

    dann bin ich ja froh dass es nicht nur mir so geht und andere auch so ähnliche Erlebnisse haben!

    Lg aus Sydney

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  4. Hallo André,

    danke für dein Interesse. Ich reise jedoch ausschließlich auf die gute alte Backpacker Art und benütze keinen Handkoffer. Sorry :-) Wenn das für dich trotzdem interessant ist, können wir das Interview gerne machen.

    Lg aus Sydney!

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