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Bewerbungsgespräche

Wie viele Jobinterviews hatte ich bereits, seit ich in Sydney lebe? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, aber es waren schon so einige. Trotz der Tatsache, dass ich mehrere Male in die engere Auswahl gekommen bin, habe ich es bisher leider nicht geschafft, eine Vollzeitstelle zu ergattern. Und das obwohl mein Englisch sehr gut ist. Und obwohl ich die permanent residency, d.h. die dauerhafte Aufenthaltsbewilligung mit der ich uneingeschränkt arbeiten darf, habe.

An was kann es also liegen? Kulturelle Differenzen? Voreingenommenheit gegenüber Ausländern? Äußerlichkeiten? Kleidungsstil? Bin ich zu zugeknöpft? Nicht lustig genug? Zu ernst? Zu perfektionistisch? Zu ehrlich? Zu direkt? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus all diesen Punkten. Am ehesten ist es jedoch die Tatsache, dass ich trotz des Coachings von meinem australischen Verlobten leider eine sehr schlechte Schauspielerin bin – ich kann sehr gut ich selbst sein, aber ich kann mich ganz schlecht verstellen. 

Wenn man in Australien zu einem Bewerbungsgespräch geht, dann wird in erster Linie ein Übermaß an Enthusiasmus von einem erwartet. Was wir Mitteleuropäer als übertrieben und aufgesetzt empfinden würden, ist hier gerade gut genug. Man MUSS sogar übertreiben und sich selber besser darstellen, als man eigentlich ist. Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Authentizität lässt man lieber daheim. Stattdessen sollte man viel Schwung, Redseligkeit und Verkaufsargumente mitbringen. Auch Qualitäten wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortungsbereitschaft stehen bei den Australiern nicht an erster Stelle. Dafür ist der cultural fit (ich kenne keinen deutschen Ausdruck, der dem gleich kommt) enorm wichtig.

In Australien wird ein neuer Mitarbeiter in erster Linie danach ausgesucht, ob er in die Unternehmenskultur passt. Klingt ja eigentlich ganz gut, aber es kann auch dazu führen, dass nur Bewerber in Frage kommen, die ähnliche Interessen, Einstellungen, Wertschätzungen und Hobbys haben. Ganz schön diskriminierend eigentlich, denn Qualifikationen sind hier irrelevant. Man könnte es auch »hiring for personality« nennen, denn in der australischen Arbeitskultur ist es sehr wichtig, dass man jedermanns Freund ist. Bekommt man eine Absage, bei der als Grund »no cultural fit« genannt wird, kann man eigentlich gar nichts machen. So wird dies auch gerne als Ausrede verwendet, denn der Arbeitgeber muss keine näheren Erklärungen dazu abgeben.

Bis auf ein, zwei Ausnahmen lief bisher kein Bewerbungsgespräch nach dem klassischen Frage-Antwort-Prinzip ab, sondern war eher ein lockeres gegenseitiges Kennenlernen. Ich kann mich noch gut an mein allererstes Jobinterview erinnern und wie ich mir total überrumpelt vorkam, als man mir so viele persönliche Fragen stellte ... wie mir Australien gefällt, wo ich wohne, was mein Verlobter beruflich macht, was meine Hobbies sind usw. Im Laufe des Interviews hat die Firma auch ihre Arbeiten vorgestellt. Ich war ganz hingerissen von deren Projekten und meine auch, das so vermittelt zu haben. Plötzlich aber unterbrach mein Gegenüber das Gespräch und schaute mich mit unsicherem Blick an ... Ob mir ihre Arbeiten denn nicht gefallen würden? Ist das nun eine Fangfrage? Natürlich gefielen mir die Arbeiten, die waren super! Man warf mir jedoch vor, dass ich zu wenig Enthusiasmus zeigen würde. Den Rest des Interviews war ich dann sehr bemüht, ganz viel zu lachen und die Firma in den höchsten Tönen zu loben. Dabei kam ich mir zwar idiotisch vor – merkt ja jeder, wie aufgesetzt das ist – aber so macht man das nun mal hier.

Ich sage immer gerne, in Australien muss man entweder ein guter Verkäufer, ein guter Schauspieler oder ein Ass im Smalltalk sein – dann geht irgendwie alles. Leider bin ich keines dieser Dinge.

No worries!

Anmerkung: Meine persönlichen Erfahrungen beschränken sich auf kleine bis mittelgroße Betriebe in der Kreativbranche in Sydney. Es kann also durchaus sein, dass es in anderen Branchen und an anderen Orten ganz anders abläuft.

Kommentare:

  1. Hallo Nina, Seh's 'mal positiv: Du bist immerhin schon bis zu einem Interview gekommen. Das ist nicht selbstverstaendlich. Meistens hoert man ueberhaupt nix mehr - ausser bei grossen Firmen, die mit Rekruiting Firmen arbeiten. Da kommt schneller als 'erhofft' eine 08/15 -Absage. In meine Augen ist (wie in dem Interview mit Anna beschrieben) die Sprache das Haupthindernis. Auch wenn man noch so gut Englisch spricht/versteht, das letzte "Eitzerl" wie wir Oesterreicher sagen wird immer fehlen! Da brauch man sich nix vormachen/schoenreden. Aber, Kopf hoch. Wird scho'. Lerne aus jedem Bewerbungsgespraech - und bitte nicht schauspielern. Sei Du selbst, es wird eine Firma da draussen geben, die Deine Qualitaeten zu schaetzen weiss. LG aus SA

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  2. Hallo Clare,

    danke für die lieben Worte! Wenn man schon so viele Interviews hinter sich hat und es einfach nicht klappt, dann fängt man halt irgendwann an zu analysieren ... Mittlerweile habe ich auch die Distanz dazu, so dass ich das ganze etwas nüchterner betrachten kann. Ich ertappe mich auch immer öfter dabei, wie ich mir einfach »no worries« denke ;-)

    Ganz liebe Grüße!
    Nina

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  3. Ein sehr guter Freund lebt in Perth. Im Western Australian Outback geboren und irgendwann mit Familie nach Perth gezogen (alles Einheimische). Er hat das selbe Problem "drüben". Und er hat auch Qualifikationen.
    Die dt. Arbeitsagentur bereitet gott sei dank, wer will, auf diese Unterschiede in den Kulturen vor in der Lernbörse exklusiv.

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  4. Vielleicht bist du nicht blond genug? ;-)

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  5. Hallo Nina! Verfolge Deinen Blog seit Beginn mit Interesse und fand ihn für meine Übersiedlung nach Sydney sehr hilfreich. Einen Punkt in diesem Artikel möchte ich positiv hervorheben: Du hast die permanent residency - dies ist für viele auf Jobsuche hier eine große Hürde. Nicht aufgeben! LG, Daniel

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    1. Hallo Daniel,

      danke für deinen Kommentar und es freut mich zu hören, dass meine persönlichen Erlebnisse andere Auswanderer ein bisschen auf Australien vorbereitet ;-) Wünsche dir auch ganz viel Glück und Erfolg in Sydney!

      Lg Nina

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