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Aborigines – Kultur und Geschichte

Die Aborigines sind ein Nomadenvolk, das ursprünglich in großen Familienverbänden als Jäger und Sammler zusammenlebte. Die Ältesten bestimmen die Gesetze, die in ihrem Stamm praktiziert werden sollen, und treffen alle wichtigen Entscheidungen. Frauen hingegen haben nur einen geringen Stellenwert in der Gesellschaft. Die Aborigines können jedoch nicht als einheitliches Volk gesehen werden, da die vielen verschiedenen Stämme unterschiedliche Rituale, als auch unterschiedliche Sprachen und Dialekte verwenden. Heute werden in Australien von ursprünglich 250 noch 17 Sprachen aktiv gesprochen.

Die Ureinwohner Australiens folgen einer Naturreligion. Dreamtime ist die Bezeichnung für die Erschaffung der Welt und spielt eine zentrale Rolle in deren Kultur und Glaube. Jeder Stamm hat sein eigenes Gebiet und ist jeweils dafür verantwortlich, das Land vor Einflüssen von außen zu beschützen und zu bewahren. Die Aborigines glauben auch, dass von vielen heiligen Plätzen – wie z.B. dem berühmten Uluru – eine spirituelle Kraft ausgeht. Schriftliche Überlieferungen gibt es bei den Aborigines nicht, denn Werte und Traditionen werden ausschließlich mündlich weiter gegeben. Auch das Rechtssystem stellt eine Besonderheit dar. Bei den Aborigines gibt es z.B. kein persönliches Eigentum, daher existiert das Prinzip des Stehlens nicht, denn jeglicher Besitz wird gerecht auf alle Stammesmitglieder verteilt (was meines ist, ist auch deines). Ebenso wird in der Kultur der Aborigines mit Wissen anders umgegangen, als in der westlichen Kultur. Wissen war immer auf bestimmte Personenkreise, Geschlechter- oder Altersgruppen beschränkt. Viele Rituale sind geheim und heilige Stätte dürfen nur von bestimmten Personen betreten werden. Daher lässt sich das Recht auf Bildung und Wissen für alle nur sehr schwer mit den traditionellen Werten der Aborigines-Kultur vereinen.

Die Kunst – Felszeichnungen, Körperbemalung und heute auch Malereien – hatte immer einen besonderen Stellenwert in der Kultur der Aborigines. Sie diente dazu, mit den Ahnen zu kommunizieren und stellte auch eine Möglichkeit dar, spirituelle Werte an die jüngere Generation weiterzugeben. Das heute auf der ganzen Welt bekannte dot painting entstand erst in den 1970er Jahren: Lange Zeit war es den Aborigines streng verboten, Symbole aus der Traumzeit darzustellen. Durch das Malen mit Punkten ließen sich jedoch Motive verschleiern und die Aborigines entdeckten eine neue Möglichkeit, geheime Erzählung aus der Traumzeit für die Öffentlichkeit – in Form von Kunst – zugänglich zu machen. Auch Musik und Tanz spielen eine zentrale Rolle im Leben der Aborigines. Das berühmte Digeridoo, das heute vor allem im Tourismus sinnbildlich für Australien steht, wurde ursprünglich nur von den Stämmen im Norden des Landes verwendet und breitete sich erst in den 1950er Jahren über den Rest des Kontinents aus.

Mit der Besiedlung des letzten Kontinents prallten zwei grundlegend verschiedene Kulturen aufeinander. Die Kultur der Aborigines konnte sich über 40.000 Jahre hinweg isoliert entwickelt, ganz ohne Einflüsse von außen. Als Ende des 18. Jahrhunderts die ersten Sträflingssiedlungen in Australien entstanden, waren Konflikte mit der indigenen Bevölkerung vorprogrammiert. 100 Jahre lieferten sie sich gegenseitig Kämpfe um Land und Ressourcen. Der Konflikt eskalierte so weit, dass Aborigines von den Weißen gezielt gejagt und getötet wurden – nicht nur als Strafe, sondern auch zur Abschreckung. Das letzte große Massaker fand 1928 statt. Einzig die Missionare setzten sich während dieser Zeit für die Aborigines ein und gründeten Missionsstationen, die den Ureinwohnern Zuflucht boten. Die Bekehrung zum christlichen Glauben war jedoch oberstes Ziel und die Missionare waren rechtlicher Vormund der dort lebenden Aborigines. Gleichzeitig beschloss die australische Regierung die Zwangsverfrachtung der Ureinwohner in Reservate in abgelegene unfruchtbare Gebiete. Ende des 19. Jahrhundert, als es immer mehr Farmen gab, wurden viele Aborigines auch als Landarbeiter angeworben. Laut Gesetz musste ihnen jedoch nur ein Drittel des Lohns gezahlt werden, den ein Weißer zu jener Zeit erhielt.

Ab 1910 wurde auch die Assimilationspolitik der australischen Regierung, die heute unter der Bezeichnung Stolen Generations bekannt ist, vermehrt betrieben. Um die schwarze Rasse »auszuzüchten« wurden Aborigines-Kinder ihren Eltern weggenommen und in staatliche Einrichtungen gebracht. In diesen Erziehungsheimen sollten sie an die Lebensweise der Weißen angepasst werden. Zum Teil wurden die Kinder auch zur Adoption freigegeben oder von weißen Pflegefamilien aufgenommen. Durch diesen institutionellen Kindesraub, der bis in die 1960er Jahre noch weit verbreitet war, sind ganze Familien auseinander gerissen worden.

Ab 1940 wurden in einigen Bundesstaaten schließlich Bürgerrechte für Aborigines eingeführt. Sie mussten allerdings besondere Bedingungen erfüllen, um diese zu erlangen: Kontakt mit anderen Aborigines war verboten, sie mussten unter der weißen Bevölkerung leben und ihre Kultur aufgeben. Man musste sich also entscheiden und konnte nur entweder Aborigine oder Australier sein. Erst 1967 wurden deren Rechte durch eine Verfassungsänderung anerkannt. Bei einer Volksbefragung stimmten über 90% der Australier dafür, dass die Aborigines die vollen Bürgerrechte erhalten sollten. Von nun an durften sie an Wahlen teilnehmen, hatten das Recht auf gleichen Lohn und die Kinder bekamen Zugang zum Schulsystem. Seither erhalten Aborigines eine staatliche Sozialhilfe. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, ist diese sowohl Segen als auch Fluch, denn mit den neu erlangten Rechten verfielen viele dem Alkohol und rutschten in die Dauerarbeitslosigkeit.

Erst vor gut 20 Jahren wurde dieses Kapitel der australischen Geschichte in der Öffentlichkeit aufgearbeitet. 1993 wurde von Seiten der Regierung offiziell der Native Title Act – dem Anspruch auf das traditionell angestammte Land – eingeführt. So wurden viele Gebiete Australiens, knapp die Hälfte der Fläche des Northern Territories (etwas 15% der Gesamtfläche Australiens) an die Aborigines zurückgegeben. Zwei Jahre später wurde eine staatliche Untersuchung unter dem Titel »Bringing Them Home« durchgeführt. Die erschreckende Wirklichkeit über den Leidensweg der Aborigines, die man bis dahin weitgehend geleugnet oder totgeschwiegen hatte, wurde so der ganzen Welt offen gelegt. Die Untersuchungskommission sprach sich in der Folge für eine Wiedergutmachung in Form eines Entschädigungsfonds, Unterstützung bei der Zusammenführung von Familien und einer öffentliche Entschuldigung aus. Auf letztere sollte die indigene Bevölkerung noch 13 weitere Jahre warten müssen. Nachdem sich der damalige Premierminister John Howard nicht nur weigerte, die Ergebnisse des Berichts anzuerkennen, sondern auch keine öffentliche Entschuldigung abgeben wollte, weil doch »viele Kinder mit dem Einverständnis der Eltern entfernt wurden und es schließlich um das Wohlergehen der Kinder ging«, brach in Australien eine Welle der Empörung aus – sowohl unter der schwarzen, als auch unter der weißen Bevölkerung. Der Druck der Öffentlichkeit konnte dem Premierminister jedoch nichts anhaben, erst als dieser sein Amt abtreten musste und Kevin Rudd von der Sozialdemokratischen Partei in die Regierung gewählt wurde, war es soweit: Am 13. Februar 2008 entschuldigte sich Australiens Premierminister für das Leid, dass den Aborigines zugefügt wurde. Damit sollte der Weg für eine neue Versöhnungspolitik endlich geebnet sein.

Die Informationen zum ersten Teil dieses Berichts stammen aus dem Buch »Aborigines gestern und heute« von Sabine und Burkhard Koch. Im zweiten Teil dieses Berichts über die Ureinwohner von Australien wird es um das Leben zwischen Tradition und Moderne gehen.

No worries!

FOTO: MICHAEL LOKE (FLICKR)

Kommentare:

  1. Hi Nina

    Den Tag der Entschuldigung fande ich sehr ergreifend. Viel ist seit der offiziellen Entschuldigung KRudds im Feb 2008 nicht passiert. Ganz im Gegenteil. Noch immer warte ich auf den Tag, an dem ich die Zeitung aufschlage, um einen Artikel vorzufinden, der berichtet dass die Regierung Programme vorschlägt, die die Situation ändern. Ich habe auch schon viel zu dem Thema geschrieben, werde ich erneut auf FB posten. Danke für die Anregung.

    Schöne Grüße

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    1. Hallo Dorothée,

      es ist in der Tat ein sehr interessantes und auch wichtiges Thema, mit dem ich mich bisher viel zu wenig beschäftigt habe. Eigentlich ein muss, wenn man in diesem Land lebt. Ich muss auch sagen, dass ich beide Seiten – die der Aborigines, aber auch die der weißen Bevölkerung – nun wesentlich besser nachvollziehen kann.

      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße!
      Nina

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