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Der australische Traum

Oder: Über das Heimkehren. Es gibt sehr viele schöne Dinge am Leben in Australien, Dinge die ich nicht vermissen möchte. Surfen und Strandkultur, die Nähe zur Natur und Tierwelt, die kulinarischen Abenteuer, der gute Kaffee, die Freundlichkeit der Menschen, die vielen Sonnentage und die wunderschöne Stadt Sydney. Aber dann gibt es auch die andere Seite, die mich selbst nach vier Jahren immer wieder in Zweifel stürzen lässt. Kann man im Leben Erfüllung finden, wenn man mit seiner beruflichen Situation absolut unzufrieden ist? Diese Frage habe ich mir nur allzu oft gestellt und egal wie ich es drehe oder wende, es hat mich ständig das Gefühl verfolgt, irgendetwas zu verpassen. Irgendetwas versäumt zu haben. Irgendetwas nicht zu haben, das alle anderen haben.

Spätestens dann, wenn ich wieder einmal eine Nachricht von einem deutschen Grafikdesigner erhalten habe, der sich gerne seinen Traum erfüllen und nach Australien auswandern möchte, wurde ich mit der Frage konfrontiert: Wie erfüllt ist mein Leben eigentlich? Ja, es ist schön in Australien zu leben. Aber man ist auch sehr weit weg von der Familie und den Lieben daheim. Und dann ist da mein beruflicher Werdegang, der so ganz anders verlaufen ist, als ich mir das ausgemalt habe.

Ich bin mit einem Bachelor und Master in Design und ein bisschen Arbeitserfahrung nach Australien gekommen, habe hier eine dauerhafte Aufenthaltsbewilligung und somit auch uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt und hätte gerne in Sydney in der Designbranche Fuß gefasst. D.h. in einer Agentur zu arbeiten, von anderen Leuten zu lernen, Kontakte zu knüpfen und neue Erfahrungen zu sammeln. Leider wollte dies nicht so wirklich klappen. Außer schlecht bezahlten Freelancejobs, falschen Versprechen, respektlosen Menschen und unfairen Arbeitsverhältnissen. Das frustriert auf die Dauer. Das entmutigt. Es lässt einen an sich selber zweifeln. Natürlich gab es einen Plan B, ich habe mich selbstständig gemacht, nebenbei auch mal in einem Café gejobbt, auf einer Pferdefarm gearbeitet und als Surflehrer für Kinder ausgeholfen. Das waren alles sehr positive Erfahrungen, bei denen ich mit lieben Menschen zu tun hatte und die mir keiner mehr nehmen kann, ändern aber nichts an dem Gefühl, irgendwie von mir selber enttäuscht zu sein. Ich habe es schlicht und einfach nicht geschafft in Sydney.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die mir mal jemand erzählt hat und diese geht so: Es war einmal ein Mann, der die Idee hatte, in Australien einen Keksladen zu eröffnen. Das lief unerwarteterweise so gut, dass er sein Geschäft immer weiter ausbaute und neue Läden im ganzen Land aufmachte. Als seine Frau nach Amerika auswandern wollte, dachte er sich, was hier funktioniert hat, funktioniert dort sicher auch. Er muss zwar nochmals von vorne anfangen, wird aber seinen Keksladen einfach wieder aufbauen. Sie wanderten also nach Amerika aus. Der Mann ging alles genau gleich an, wie er dies in Australien getan hatte, dachte sich, so anders ist die Kultur ja nicht, da kann nicht viel schief gehen. Aber was er auch versuchte, es wollte einfach nicht klappen. Niemand schien zu erkennen, wie gut seine Kekse waren. Niemand schien sich so wirklich dafür zu interessieren. Und viele Male fragte er sich, wieso klappt es bloß nicht? Lag es an ihm? Ging er die Sache falsch an? Oder hatte es gar nichts mit ihm zu tun, ticken die Amerikaner vielleicht einfach anders?

Aller Anfang ist schwer und so hat auch das Heimkehren seine Tücken. Ich vermisse so viele Dinge aus Australien. Aber ich habe einen guten Job hier, der mir Freude macht, bei dem ich täglich von netten Menschen umgeben bin und fair behandelt werde. So Leid es mir tut – und es tut mir ganz ehrlich Leid drum – Sydney war wohl einfach nicht der richtige Ort für mich. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich einige Wochen vor meiner Abreise den Coastalwalk von Bondi nach Coogee gemacht habe. Ich bin auf den Klippen gesessen, hatte den Wind im Gesicht und eine wunderschöne Aussicht vor mir liegen. Und ich habe mir gedacht, ich will das alles nicht aufgeben. Aber Sydney war nicht gut zu mir. Ich habe vier Jahre lang versucht, beruflich irgendwie Fuß zu fassen und diese Stadt hat mir keine Chance gegeben. Auch wenn ich sehr gemischte Gefühle hatte, irgendwann muss man einen Schlussstrich ziehen und dieser Tag war für mich gekommen.

Ich bin mir sicher, es ergeht anderen Menschen da draußen ähnlich wie mir. Menschen, die davon träumen, sich in Australien ein tolles Leben aufzubauen und bei denen es auch nicht so wirklich klappen will. So habe ich mich in dem Bericht einer jungen Irin, die den Versuch gewagt hat nach Australien auszuwandern, ein Stück weit wiedergefunden. Sie beschreibt darin, warum sie enttäuscht vom australischen Traum ist. Und wie man so schön sagt, wenn man nicht damit zufrieden ist, wie sich sein Leben entwickelt, sollte man die Richtung ändern. Auch wenn dies bedeutet, wieder in die Heimat zurückzukehren.

Sydney, ich vermisse dich wirklich sehr, aber: Es ist besser, mit den richtigen Leuten durch den Regen zu laufen, als mit den falschen in der Sonne zu stehen.

No worries!

FOTO: CHRIS DEVERS (FLICKR)
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Australien: Ein besseres Leben?

Wie bereits im vergangenen Jahr und in jenem davor schaffte es Australien auch bei der OECD-Studie 2015, dem Better Life Index, auf Platz eins. Besonders gut hat Australien bei den Themen bürgerschaftliches Engagement, Gesundheit und Bildung abgeschnitten. Am unteren Ende der Liste – und im Vergleich dazu etwas aus dem Rahmen fallend – befindet sich die Work-Life-Balance. Von insgesamt 36 Ländern liegt Australien hier an 30. Stelle. Die Studie besagt, dass 14% aller Angestellten 50 oder mehr Stunden pro Woche arbeiten und die Australier nur 60% ihres Tages persönlichen Bedürfnissen (Schlafen, Essen etc.) und Freizeitaktivitäten widmen. Damit liegt Australien unter dem OECD-Durchschnitt und hinter allen europäischen Ländern.

Lebensqualität
Warum möchten so viele Deutsche unbedingt nach Australien auswandern? Neben dem guten Wetter wird oftmals als erstes die Lebensqualität genannt. Diese soll ja (angeblich) in Australien so viel besser sein. Aber was genau versteht man denn eigentlich darunter? Bezieht sich das wirklich nur auf die vielen Sonnenstunden? Die Nähe zur Natur? Den Traum vom Leben am Meer? Oder die Hoffnung, Teil einer stressfreieren Gesellschaft zu sein? Formale Themen wie Bildung, Arbeit, Sicherheit und Gesundheit sollten hier zwar ebenfalls eine Rolle spielen, werden aber nur selten als Grund genannt, um nach Australien auszuwandern. Viele Auswanderer oder jene, die es gerne noch werden wollen, sind in erster Linie an der einzigartigen Lebensqualität dieses Landes interessiert. Und ich gebe zu – in einer wunderschönen Stadt wie Sydney zu leben, in der es Strände, Natur und Freizeitangebote im Überfluss gibt – ist schon etwas ganz besonderes. Die Leute sind locker drauf, stressen tut sich hier kaum jemand und wenn, dann lässt man es sich nicht anmerken. Ist es jedoch den Preis wert, den man für diese Lebensqualität bezahlt?

(Über)leben
Sydney ist ein teures Pflaster. Klar kann man in Australien auch günstig leben, wenn man sich irgendwo auf dem Land niederlässt, diesen Traum verfolgen jedoch nicht alle. Den Großteil zieht es in die Städte und dort ist das Leben teuer. Eine Neubauwohnung in Sydneys Inner West mit 75 m² kostet schnell mal $700 Miete pro Woche (nein, ich habe mich nicht verschrieben, es ist wirklich pro Woche). Ein Zimmer in einer WG, das man sich mit einer anderen Person teilen muss, kostet so um die $180 pro Woche. Für ein Einzelzimmer wären das also $360. Der Brutto-Mindestlohn in Australien beträgt derzeit knapp $35.000 im Jahr (ca. $16,40 pro Stunde). Wieviel man in Australien durchschnittlich verdient, ist schwer zu sagen, da es hierzu unzählige Statistiken gibt und jede einen anderen Betrag nennt, sie variieren jedoch meistens zwischen $55.000 und $75.000 im Jahr. Laut einem aktuellen Bericht des Business Insider muss man in Sydney jedoch mindestens $106.000, in Melbourne $75.400 im Jahr verdienen, um sich ein Eigenheim im Mittelsegment leisten zu können. Wie gut die Australier mit ihrem Gehalt zurecht kommen, könnt ihr in diesem Bericht nachlesen.

Work-Life-Balance
Als Angestellter in Australien hat man in New South Wales nur neun Feiertage und 20 Urlaubstage im Jahr. Im Vergleich dazu genießt man in Österreich 13 Feiertage und 25 Tage Urlaub. Deutschland hat neun Feiertage in Berlin, zwölf Feiertage in Bayern und durchschnittlich ebenfalls 25 Tage Urlaub (oder sogar 30). Da auch Modelle wie Gleitzeit und Zeitausgleich hier weitgehend unbekannt sind, verbringt man in Australien wesentlich mehr Zeit seines Lebens am Arbeitsplatz – und diese wird hoch bewertet: Lieber ein Angestellter, der zwischendurch im Internet surft und nicht effizient arbeitet, dafür aber anwesend ist, als ein Angestellter, der seinen Job zwar schnell und gut macht und dafür aber früher nach Hause geht. Im Normalfall wird auch von einem erwartet, dass man unbezahlte Überstunden macht. Laut einer Studie des Australia Institute sind das durchschnittlich sechs Stunden pro Woche. Weiters heißt es in der Studie, dass 50% der Befragten ihren Jahresurlaub nicht oder nur teilweise in Anspruch nehmen. Jeder fünfte Angestellte verzichtet auf seine Mittagspause. Als Gründe hierfür nennen viele Australier, dass sie sich direkt oder indirekt vom Chef unter Druck gesetzt fühlen oder Angst davor haben, die Arbeitsstelle zu verlieren.

Australische Auswanderer
Genau aus diesen Gründen zieht es auch einige Australier ins Ausland: Carly Hulls, die nach Wien ausgewandert ist, gefällt an Österreich unter anderem die Work-Life-Balance besonders gut. Sie habe hier gelernt, alles etwas ruhiger anzugehen und ihre Wochenenden und ihre Freizeit mehr zu schätzen. Auch die Familie Binning, die nach Dänemark ausgewandert ist, weiß die »gesunde Arbeitskultur, in der auch Platz für ein Leben außerhalb der Arbeit ist« sehr zu schätzen. Auch sie hätten sich in Australien nicht getraut, den vollen Jahresurlaub in Anspruch zu nehmen, aus Angst den Job zu verlieren oder der Karriere zu schaden. Ähnlich Positives hatte auch eine Freundin von mir zu berichten, die als Australierin zwei Jahre in Dänemark gelebt und gearbeitet hat.

Fazit: Nur weil Australien immer wieder zur lebenswertesten Nation der Welt gekürt wird, heißt das noch lange nicht, dass jeder Auswanderer hier findet, was er sucht. Die Nähe zum Meer und das Leben in einem Land, in dem alle ziemlich locker drauf sind, ist für viele der Traum schlechthin. Ob es den Preis tatsächlich wert ist, den man dafür bezahlt, muss aber jeder für sich entscheiden. Denn wer Lebensqualität in erster Linie mit einer gesunden Work-Life-Balance gleichsetzt, für den ist Australien vielleicht dann doch nicht das Richtige.

No worries!

FOTO: NICK DH.B. (FLICKR)
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Ohne Anzahlung läuft nichts

Schon öfter habe ich erörtert, dass Australier nicht gerade die vertrauenswürdigsten und verlässlichsten Menschen sind. Hier wird schnell mal viel versprochen, ist ja alles kein Problem, no worries, und dann aber leider nicht eingehalten. Ein freundliches Lächeln bekommt man aber immer (selbst wenn einem dabei gerade ins Gesicht gelogen wird). Wenn man diese Eigenart des australischen Volkes kennt, kann man sich zumindest darauf einstellen. Ich musste jedoch, wie viele andere wahrscheinlich auch, alles auf die harte Tour lernen.

So war ich erstmals sehr erstaunt, dass man in Australien gar nicht selten eine Anzahlung für eine zu erbringende Leistung zahlen muss. Das sind zumeist 50% des Gesamtbetrages. Wenn man z.B. einen Auftrag an die Druckerei schickt, muss man mitunter sogar die komplette Summe im Voraus bezahlen. Mir ist da immer wieder etwas mulmig zu Mute, zumal ich schon so einige Scherereien mit verpatzten Druckaufträgen hatte. Es wird aber von mir als Kunde erwartet, das Geld auf den Tisch zu legen, bevor ich die Ware überhaupt gesehen habe.

Nicht anders verhält es sich mit Aufträgen in der Kreativbranche. Ohne eine fette Anzahlung geht da nichts. Zu Beginn habe ich mich sehr darüber gewundert, hatte ich davon in Österreich doch noch nie gehört. Wenn ein Kunde mich beauftragt, ein Logo für ihn zu gestalten, dann stelle ich doch nicht als erstes eine Rechnung aus? Heute ist mir klar, warum das in Australien jeder macht. Ich war nämlich leider auch schon in der Situation, keine Anzahlung verlangt zu haben und der Kunde hat sich schlussendlich davor gedrückt, die Rechnung zu begleichen. Heute passiert mir das nicht mehr – denn ohne Anzahlung läuft hier nichts.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen in Australien gemacht?

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Bewerbungsgespräche

Wie viele Jobinterviews hatte ich bereits, seit ich in Sydney lebe? Ich habe irgendwann aufgehört zu zählen, aber es waren schon so einige. Trotz der Tatsache, dass ich mehrere Male in die engere Auswahl gekommen bin, habe ich es bisher leider nicht geschafft, eine Vollzeitstelle zu ergattern. Und das obwohl mein Englisch sehr gut ist. Und obwohl ich die permanent residency, d.h. die dauerhafte Aufenthaltsbewilligung mit der ich uneingeschränkt arbeiten darf, habe.

An was kann es also liegen? Kulturelle Differenzen? Voreingenommenheit gegenüber Ausländern? Äußerlichkeiten? Kleidungsstil? Bin ich zu zugeknöpft? Nicht lustig genug? Zu ernst? Zu perfektionistisch? Zu ehrlich? Zu direkt? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus all diesen Punkten. Am ehesten ist es jedoch die Tatsache, dass ich trotz des Coachings von meinem australischen Verlobten leider eine sehr schlechte Schauspielerin bin – ich kann sehr gut ich selbst sein, aber ich kann mich ganz schlecht verstellen. 

Wenn man in Australien zu einem Bewerbungsgespräch geht, dann wird in erster Linie ein Übermaß an Enthusiasmus von einem erwartet. Was wir Mitteleuropäer als übertrieben und aufgesetzt empfinden würden, ist hier gerade gut genug. Man MUSS sogar übertreiben und sich selber besser darstellen, als man eigentlich ist. Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Authentizität lässt man lieber daheim. Stattdessen sollte man viel Schwung, Redseligkeit und Verkaufsargumente mitbringen. Auch Qualitäten wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortungsbereitschaft stehen bei den Australiern nicht an erster Stelle. Dafür ist der cultural fit (ich kenne keinen deutschen Ausdruck, der dem gleich kommt) enorm wichtig.

In Australien wird ein neuer Mitarbeiter in erster Linie danach ausgesucht, ob er in die Unternehmenskultur passt. Klingt ja eigentlich ganz gut, aber es kann auch dazu führen, dass nur Bewerber in Frage kommen, die ähnliche Interessen, Einstellungen, Wertschätzungen und Hobbys haben. Ganz schön diskriminierend eigentlich, denn Qualifikationen sind hier irrelevant. Man könnte es auch »hiring for personality« nennen, denn in der australischen Arbeitskultur ist es sehr wichtig, dass man jedermanns Freund ist. Bekommt man eine Absage, bei der als Grund »no cultural fit« genannt wird, kann man eigentlich gar nichts machen. So wird dies auch gerne als Ausrede verwendet, denn der Arbeitgeber muss keine näheren Erklärungen dazu abgeben.

Bis auf ein, zwei Ausnahmen lief bisher kein Bewerbungsgespräch nach dem klassischen Frage-Antwort-Prinzip ab, sondern war eher ein lockeres gegenseitiges Kennenlernen. Ich kann mich noch gut an mein allererstes Jobinterview erinnern und wie ich mir total überrumpelt vorkam, als man mir so viele persönliche Fragen stellte ... wie mir Australien gefällt, wo ich wohne, was mein Verlobter beruflich macht, was meine Hobbies sind usw. Im Laufe des Interviews hat die Firma auch ihre Arbeiten vorgestellt. Ich war ganz hingerissen von deren Projekten und meine auch, das so vermittelt zu haben. Plötzlich aber unterbrach mein Gegenüber das Gespräch und schaute mich mit unsicherem Blick an ... Ob mir ihre Arbeiten denn nicht gefallen würden? Ist das nun eine Fangfrage? Natürlich gefielen mir die Arbeiten, die waren super! Man warf mir jedoch vor, dass ich zu wenig Enthusiasmus zeigen würde. Den Rest des Interviews war ich dann sehr bemüht, ganz viel zu lachen und die Firma in den höchsten Tönen zu loben. Dabei kam ich mir zwar idiotisch vor – merkt ja jeder, wie aufgesetzt das ist – aber so macht man das nun mal hier.

Ich sage immer gerne, in Australien muss man entweder ein guter Verkäufer, ein guter Schauspieler oder ein Ass im Smalltalk sein – dann geht irgendwie alles. Leider bin ich keines dieser Dinge.

No worries!

Anmerkung: Meine persönlichen Erfahrungen beschränken sich auf kleine bis mittelgroße Betriebe in der Kreativbranche in Sydney. Es kann also durchaus sein, dass es in anderen Branchen und an anderen Orten ganz anders abläuft.
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Jedermanns Freund

Thema Arbeitskultur. Ein interessantes Gespräch mit einem Australier, der gerade in Europa lebt und arbeitet, hat mich zum Nachdenken gebracht. Mit was er sich am schwersten tut, ist die Tatsache, dass die Europäer so unfreundlich und unzugänglich seien. Er würde ständig versuchen, seine Arbeitskollegen als Freunde zu gewinnen, würde gerne mit ihnen scherzen und nach der Arbeit auf ein Bier ins Pub gehen. Die Arbeitskollegen wollen aber Arbeit und Freizeit nicht so unbedingt miteinander vermischen und blocken seine »Annäherungsversuche« deshalb eher ab. Arbeitskollegen müssen schließlich nicht unbedingt die besten Freunde sein ...

Er hat mir seine Bedenken so erklärt: In Australien kommt man im Beruf nur weiter, wenn man jedermanns Freund ist. Wenn man eine Idee hat und die will man seinem Boss verkaufen, dann muss man das auf eine coole, lockere Art machen. (Meine Anmerkung: Man verwendet möglichst oft das Wort mate und lädt nach der Arbeit auf eine Runde ins Pub ein.) Wenn man mal anderer Meinung ist, dann darf man das bloß nicht offen zeigen – wieder aus demselben Grund, man muss schließlich jedermanns Freund sein, um weiter zu kommen. (Meine Anmerkung: Man muss sich stets beliebt machen und darf bloß niemanden kritisieren.)

Das klingt doch ganz nach interkulturellen Missverständnissen. Die Europäer fühlen sich auf den Schlips getreten und der Australier weiß nicht, wie er bei ihnen punkten soll, wenn er nicht jedermanns Freund sein kann.

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Offsetdruck vs. Digitaldruck

Viele kleine, aber nicht unwichtige Unterschiede zwischen Australien und Mitteleuropa fallen mir immer wieder im Beruf auf. Vielleicht muss ich für diejenigen, die sich nicht auskennen, mal kurz darauf hinweisen, dass Digitaldruck und Offsetdruck zwei verschiedene Druckverfahren sind. Sie unterscheiden sich grundlegend im Prozess bzw. der Herstellung, aber auch das Ergebnis ist zumeist sichtbar anders. Grob umschrieben hat man im Offsetdruck mehr Möglichkeiten (Papierwahl, Format, Sonderfarben) und kann auch qualitativ ein besseres Ergebnis erzielen, als mit den meisten Digitaldruckmaschinen. Der Nachteil ist, dass kleine Auflagen oder Einzelstücke im Offsetdruck nicht realisiert werden können.

In Australien wird der Digitaldruck ganz groß gelobt. Offsetdruck wird hier eher als »spezielle« oder »besondere« Art des Druckens angesehen. Viele sind auch der Meinung, dass der Offsetdruck bald ausstirbt und in naher Zukunft nur noch digital gedruckt wird. Mal davon abgesehen, dass ich noch nie in meinem Leben so viele schlecht gestaltete Visitenkarten gesehen habe, werden diese zumeist auf recht billigem Papier in mittelmäßigem Digitaldruck produziert. Dann doch lieber noch eine Veredelung mit Folie drauf hauen, als Offsetdruck zu verwenden – so frei nach dem Motto, im Digitaldruck kann man zu günstigsten Preisen alles haben.

Das widerspricht irgendwie so ganz dem, was ich in Europa gelernt habe. Eine Welt ohne Offsetdruck kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Das wäre wie eine Welt ohne Bücher, das kann im mir ebenfalls nicht vorstellen. Aber wer weiß das schon im digitalen Zeitalter ... Warum also verwenden die Australier den Digitaldruck so gerne? Natürlich sind da die offensichtlichen Gründe: Schnell muss es gehen und möglichst billig muss es sein. Zum einen scheint auch die Papierwahl hier nicht ganz so wichtig zu sein, wie in Europa. Das mag daran liegen, dass die meisten Papiere importiert sind und der Preis dafür einfach sehr hoch ist. Andererseits ist auch der Einsatz von Schmuckfarben sehr teuer und kommt deshalb bei weitem nicht so oft zum Einsatz, wie in Mitteleuropa. 

Wenn ich den Australiern erzähle, dass man in Österreich Visitenkarten im Offsetdruck mit 2-3 Schmuckfarben zum selben Preis drucken lassen kann, wie im 4-Farbdruck, dann werden sie ganz neidisch. Hier zahlt man nämlich ein Vermögen dafür. Aus diesem Grund rentiert sich der Offsetdruck wohl wirklich nur bei großen Projekten und sehr hohen Auflagen, aber nicht für »Kleinigkeiten« wie beispielsweise 500 Visitenkarten.

Ich frage mich, was die Offsetdrucker in Mitteleuropa dazu sagen würden, wenn sie hören, dass man am anderen Ende der Welt davon überzeugt ist, dass ihr Beruf demnächst Geschichte sein wird ...

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Jobanzeigen

Immer wieder stoße ich auf lustige Jobanzeigen. Naja, ganz so lustig sind sie ja eigentlich nicht. Eher doch zum Heulen. Manchmal kann ich mir auch einfach nur denken – die spinnen wohl, die Australier!

Jobanzeige: Junior Grafik Designer mit Studienabschluss.
Anforderung: Mindestens ein Jahr Berufserfahrung im kommerziellen Bereich, Studentenarbeiten interessieren uns nicht.
Aufgabenbereich: Neben Kaffee holen muss man auch dazu bereit sein, täglich mit den beiden Büro-Hunden spazieren zu gehen.
Computerkenntnisse: Gute PC-Kenntnisse sind unbedingt erforderlich.

Wie bitte? In welchem Jahrhundert leben die Australier? Ein Grafiker der gezwungen wird, am PC zu arbeiten? Ein Grafiker der zwar Arbeitserfahrung haben soll, aber auch dog walking machen muss?

Freelancejobs werden für Berufseinsteiger übrigens zu einem Gehalt von 20 Australische Dollar aufwärts angeboten. Das sind also nur vier Dollar mehr als Mindestlohn und davon muss man noch Steuern bezahlen. Dabei darf man auch nicht außer Acht lassen, dass die Lebenshaltungskosten in Sydney durchaus vergleichbar mit der Schweiz sind. Bei diesen Aussichten kann man manchmal ernsthaft daran zweifeln, ob man in Australien wirklich Grafiker sein will.

Und noch eine lustige Anzeige, die ich irgendwo gelesen habe: Da bietet jemand, der sich selber Grafiker nennt, allen Ernstes ein Logo um 5 Dollar an. »Kein Problem, andere machen es für 50 Dollar – ich mache es um 5 Dollar!« Da kann ich nur noch den Kopf schütteln ...

Und zuletzt noch eine interessante Statistik über den Beruf des Grafikers, Webdesigners und Illustrators in Australien, veröffentlicht von der australischen Regierung. Diese belegt, dass nur gut die Hälfte aller Arbeitenden ein Studium absolviert haben.

56,3% haben einen Studienabschluss
47,8% davon haben einen Bachelor und 8,5% einen Master
30,1% haben eine TAFE Ausbildung abgeschlossen (alternativer Bildungsweg ohne Matura/Abitur, niedriger als Bachelor)
13,7% haben gar keine Ausbildung

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Gratis arbeiten

Wie man in der Designbranche in Australien am besten einen Job findet? Die Frage ist leicht zu beantworten: Man arbeitet gratis. Hin und wieder habe ich Gespräche mit Australiern, die mir weiter helfen wollen. Mir wertvolle Tipps zur Jobsuche geben wollen. Dabei kristallisiert sich immer mehr heraus, was ich anfangs für die Meinung Einzelner hielt. Wer sich hier nicht auf den Markt stellt und gratis Arbeit anbietet, der hat kaum eine Chance, sich in der Designbranche zu behaupten. Geht man zu einem Jobinterview und man ist neu im Land – egal ob man bereits Arbeitserfahrung im Ausland gesammelt hat oder nicht – dann wird fast schon von einem erwartet, dass man sich zuerst mal gratis anbietet. So quasi um den guten Willen zu zeigen. Natürlich, offen gesagt wird das nicht immer. Die Australier reden ja sowieso gerne um den heißen Brei herum. Aber es kommt dann doch oft die Frage, ob ich mir auch vorstellen könnte, zuerst mal eine Weile probeweise zu arbeiten. Und ob ich dafür eine fixen Stundenlohn erwarte.

Gerade kürzlich hatte ich wieder ein sehr interessantes Gespräch mit einer Australierin. Eine ehemalige Lehrerin, die zuerst auf Modedesign umgestiegen ist und dann auf Innenarchitektur. Ohne jetzt irgendeine spezielle Ausbildung zu machen ... das geht hier nämlich – so lange man bereit ist, ganz unten anzufangen (Kaffee holen, Facebookseite updaten, Telefondienst machen und ähnliches) und sich langsam hochzuarbeiten, stehen einem in Australien alle Türen offen. So hat sich z.B. auch mein Partner vom Elektriker zum Projektmanager für technische Gebäudeausrüstung (Heizung, Klima, Lüftung) hochgearbeitet und betreut kommerzielle Bauprojekte im Wert von mehreren Millionen Australischen Dollar – und das ohne Zusatzausbildung. Jetzt hat mir also auch diese Person Lehrerin/Modedesignerin/Innenarchitektin empfohlen, ich soll doch den Leuten anbieten, für eine Weile ein paar Tage in der Woche gratis zu arbeiten. Hier müsse sich nun mal jeder hocharbeiten und bei Null anfangen. Und sowieso, Berufserfahrung im Ausland zählt nicht.

Seltsamerweise hab ich auch noch nie so viele Anfragen bekommen, Projekte gratis zu machen, wie im letzten Jahr in Australien. Die Leute meinen, wenn ich was gratis mache, dann kann ich es ja nachher in mein Portfolio geben. Also hab ich ja auch was davon. Wie bitte? Ich muss aber auch essen und Miete zahlen wie jeder andere. Was denken sich die Leute also, wenn sie mich das fragen? Warum meint hier jeder, dass Designer gratis arbeiten? Ich gehe ja auch nicht zum Frisör und sage, er kann ein Foto von mir machen und es in sein Portfolio tun und mir dafür gratis die Haare schneiden.

Traurig aber wahr – wie es scheint ist hier wohl weder meine 5-jährige Ausbildung, ein Master in Design, noch ein paar Design Awards und ein Jahr Berufserfahrung und Praktika etwas wert. Auch ich muss ganz unten anfangen. Kaffee holen, Facebookseite updaten, Bilder von RGB in CMYK konvertieren, Designprozesse dokumentieren, Präsentationen vorbereiten, Newsletter schreiben, Rechnungen verschicken und sonstige unkreative Tätigkeiten ausführen – während andere die interessanten Sachen machen. Dabei soll noch angefügt werden, dass ich nichtmal in meiner (bezahlten!) Praktikumszeit vor vier Jahren zu solchen Tätigkeiten »verdammt« wurde. In Australien müsste ich also zuerst mal bei Null – oder besser bei minus Zehn anfangen und dann vielleicht später, wenn ich mich irgendwann bewiesen habe, für ein Gehalt arbeiten, dass anfangs sicher nicht viel höher ist, als was ich jetzt als Bedienung in einem Café verdiene.

Wenn ich den Aussies erzähle, dass ich Grafikdesigner bin, dann finden sie das erstmals immer ganz toll. Als nächstes kommt dann die Frage, ja ob ich einen Kurs dafür gemacht habe. Ich wurde sogar schon allen Ernstes gefragt, ob ich einen High School Abschluss habe. Sich selber als Designer zu bezeichnen, scheint hier irgendwie in Mode zu sein – es kann ja (offensichtlich) jeder schnell mal zum Grafikdesigner, Modedesigner oder Innenarchitekt werden. Kein Wunder also, dass mich die Leute hier ganz verwundert anschauen, wenn ich ihnen erzähle, dass ich einen Master in Design habe. Als wäre ich von einer anderen Welt ...

Zurück zu der Australierin. Wenn ich sie also richtig verstehe, dann muss ich – wie sie – ganz von vorn anfangen. Als hätte ich keine Ausbildung und keine Erfahrung. So wie sie das auch gemacht hat. Dieser Gedanke deprimiert mich natürlich und ich frage mich dann, wie das System hier wohl funktioniert. Hat überhaupt irgendjemand die Motivation, einen Bachelor oder Master in Design zu machen? Wozu auch, der nützt einem ja offensichtlich nichts. Überhaupt – wozu das ganze Geld verschwenden (studieren ist hier sehr teuer) und die Zeit investieren, wenn man nachher sowieso bei Null anfangen muss? Ganz verstehe ich das noch nicht. Aber ich verstehe immer mehr, warum so viele Leute lieber Schnellkurse ohne Zugangsbeschränkungen machen, um sich zum Designer ausbilden zu lassen. Hier ist dann wohl derjenige der Blödmann, der studieren geht und dem eine gute Ausbildung wichtig ist.

Muss ich mich also dem Markt beugen und in Zukunft gratis Arbeit anbieten? Nein. So lange ich mit Freelancejobs und einem Nebenjob im Café irgendwie über die Runden komme, habe ich das jedenfalls nicht vor. Manche mögen das jetzt überheblich nennen. Oder stur. Die Aussies könnten meinen, ich würde mich zu wenig um einen Job bemühen (bemühen = gratis arbeiten). Ich habe aber einfach immer noch viel zu klar die Worte meiner Lehrer in den Ohren, die uns immer eingetrichtert haben, dass wir uns nicht unter unserem Wert verkaufen sollen – es nützt weder mir was, wenn ein Arbeitsverhältnis bereits auf ausbeuterische Art und Weise beginnt, noch nützt es der Branche was. Es macht sie sogar kaputt. Siehe Australien.

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Arbeitsmoral und Kundenbetreuung

Manchmal machen es einem die Australier nicht gerade leicht. Vor allem wenn man ein typischer Mitteleuropäer ist und gewisse Erwartungen an die Menschheit bzw. die Gesellschaft bzw. sein Gegenüber hat.

Wer faul ist und keine Ambitionen hat, der ist in Australien gut aufgehoben. Kundenbetreuung besteht hier nämlich aus A – freundlich lächeln, B – keine Ahnung von irgendwas haben und C – auch kein Interesse dafür zu zeigen. Das Wort »Effizienz« scheint hier auch noch nicht zu existieren. Am liebsten macht man es dem Kunden nämlich so umständlich wie möglich. Dafür verhält man sich im Gegenzug richtig gemütlich und ist immer schön fröhlich und freundlich. Was für eine verkehrte Welt. Dieses Verhalten scheint jedoch von den meisten Arbeitgebern – aus einem mir unverständlichen Grund – toleriert zu werden. Ob der Kunde zufrieden ist, ist ja nur halb so wichtig. Hauptsache man bleibt immer freundlich und lächelt. Dieses Verhalten treibt mich jedoch hin und wieder fast zur Weißglut, fühle ich mich doch manchmal leicht verarscht. Egal ob im Elektrofachhandel, im Bauhaus, im Schreibwarengeschäft oder in einer Druckerei – die Leute haben zumeist hinten und vorne keine Ahnung. Bezahlt scheint man hier nur für die Anwesenheit zu werden. Und fürs Dauerlächeln. Ist ja alles easy, no worries, kein Stress, das wird schon.

Viele Australier haben in meinen Augen ein echtes Problem damit, ihre Aufgabe im Beruf zu erfüllen. Von »gewissenhaft erfüllen« rede ich ja noch gar nicht. Die Arbeitsmoral scheint hier bei vielen nahe am Nullpunkt zu sein. Da ist es doch viel schöner, wenn man nur freundlich lächeln und sich blöd stellen muss und in Gedanken bereits im Pub oder am Strand ist. Motivation gute Arbeit zu leisten und damit auch ein paar Kunden glücklich zu machen, haben nur wenige. Der Kunde soll zwar König sein, aber das scheint sich nur auf freundliches Verhalten zu beziehen. 

Immer wieder habe ich solche Erlebnisse, wenn es um das Einholen von Angeboten bzw. das Abwickeln von Druckjobs geht. Effizienz oder gute Kundenbetreuung kann man von den Leuten einfach beim besten Willen nicht erwarten. Ich werde mich daheim jedenfalls nie wieder darüber beschweren, dass man alles und jedem nachrennen muss. In Australien ist das nämlich noch wesentlich schlimmer. Hier wird dir nichts nachgeworfen – jede Information muss wie bei einem Verhör aus den Leuten raus gequetscht werden. Sonst erreicht man rein gar nichts.

Zum Wahnsinnig werden ist das manchmal also. Dieses Land macht mich ganz paranoid, weil man keinem trauen kann bzw. sich auf keinen verlassen kann. In Australien müsste man anstatt »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« wohl eher sagen »Vertrauen ist unmöglich, Kontrolle ein absolutes Muss«. Manchmal wundert es mich deshalb echt, wie sich ein halbwegs normaler Durchschnittsdeutscher oder Österreicher mit der australischen Arbeitskultur bzw. Moral arrangieren kann. Hilfe! Wie geht das? Wie ticken diese Leute? Ich versteh sie einfach nicht. Das einzige was mir dazu einfällt – einmal tief durchatmen, den Ärger runter schlucken und sich wieder mal denken:

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Als Grafik Designer in Sydney

Neugierig, ganz ohne mich informiert zu haben und mit unschuldigen Augen bin ich als Grafik Designer nach Australien gekommen. Was mich da erwartete, von dem hatte ich keine Ahnung. Wie so oft im Leben, weiß man die Dinge erst dann zu schätzen, wenn man sie nicht mehr hat. Vor allem wenn man gewisse Sachen bisher für ganz selbstverständlich gehalten hat. Aber auch was die Design Branche betrifft, muss ich mir leider eingestehen, wie auch immer man es dreht und wendet, Australien ist nun mal einfach etwas weg vom Schuss.

Die erste Sache, eigentlich eine absolute Kleinigkeit, an der ich schon gescheitert bin: Ein stinknormales Kopierpapier für Inkjet Drucker mit mehr als 80 g/m² zu finden. Kann das wirklich so schwer sein? Ich war in so vielen Bürobedarf-Läden, Bastel-Läden, Kunst-Läden ... und wurde nicht fündig. Im Internet? Auch da war meine Suche erfolglos. Gibt es das, dass in Australien niemand das Bedürfnis hat, etwas für den Eigenbedarf auf dickerem Papier auszudrucken?

Als nächstes habe ich einige interessante Dinge über Druckereien gelernt. Wie z.B. dass die Produktion von Büchern hauptsächlich in China abgewickelt wird. In Australien wird gedruckt und dann alles zum größten Handelspartner entsandt, um es dort binden zu lassen. Ich habe mir sagen lassen, dass es in der ganzen Stadt Sydney nur noch sehr wenige Buchbinder geben soll, die noch übrig bleiben und ihr Handwerk tun. Traurig ... die sind hier wohl bald ausgestorben.

Dann hab ich mich auch darüber gefreut, in einer so großen (Welt-)Stadt wie Sydney zu leben. Wo es viele Designer gibt, da gibt es sicher auch Unmengen an Designläden für Grafiker, wo man Bücher, Magazine und andere Designartikel bekommt. Ich wurde leider enttäuscht. Die einzige Buchhandlung für Design ist ungefähr halb so groß wie jene in Basel (wer schon mal in Basel im Domus-Haus war). Die Preise sind wie zu erwarten hoch, viele der Bücher importiert. Es gibt jedoch ein außerordentlich großes Fachgeschäft für Design-Magazine. Da wurde es mir richtig warm ums Herz, als ich den Laden betrat ... die Wärme verschwand allerdings, als ich feststellte, dass ein Großteil der Grafik Magazine aus Europa und vor allem auch aus dem deutschsprachigen Raum kommt und hier zum doppelten Preis verkauft werden. Schluck. Das tut meinem Geldbeutel nicht gut.

Blättert man australische Design-Magazine durch, dann findet man zu meinem Erstaunen auch folgendes vor: In Melbourne ist hin und wieder was los, ansonsten wird fleißig über europäische Ereignisse berichtet. Dutch Design Week, Milan Design Week, Stockholm Design Week und der deutsche Red Dot Award. Weiters findet man auch immer wieder Anzeigen von Büchern des Taschen Verlag und Gestalten Verlag, beide ebenfalls aus Deutschland. Irgendwie werde ich also das Gefühl nicht los, hier passiert nichts. Wir sind zu weit weg vom Geschehen.

Das mit den Papiervertrieben ist auch etwas verflixt. Die zwei größten in Australien vertreiben eine ganze Reihe europäischer Papiere, auch welche aus Deutschland und Österreich. Verflixt deshalb, weil einige Papiere hier andere Namen haben, aber entweder gleich oder zumindest ähnlich sind wie jene daheim. Man hat mich auch aufgeklärt, dass es bei einigen europäische Papieren gang und gäbe ist, die niedrigen Grammaturen zu importieren und die höheren hier produzieren zu lassen. Deshalb unterscheidet sich auch der Farbton leicht, wenn man die Papiere miteinander vergleicht. Andere Länder, andere Sitten.

Eine Papiermustermappe zu bekommen, ist auch gar nicht so einfach. In Österreich hatte ich sogar als Student kein Problem, eine Mappe zu bekommen – man investiert ja schließlich in die Zukunft. Hier ist man etwas knausrig. Der Kommentar eines Australiers aus der Branche dazu: »Das ist nun mal der Preis den man zahlt, wenn man am Arsch der Welt lebt. Uns wirft man hier nichts nach. Wozu auch? Wir sind ja viel zu weit weg vom eigentlichen Geschehen.« So ist das also. Ich fühl mich schon viel weiser als noch vor einem Jahr. Nicht mehr blauäugig, sondern eher schon etwas abgehärtet. Und manchmal vermisse ich die gute alte deutschsprachige Grafik-Szene. Da ist was los!

Zum Schluss aber noch etwas äußerst Positives, das ich hier gelernt habe. Man kann Bleisatz auch auf ganz moderne Art und Weise verwenden. Es ist sogar möglich, ein Geschäft daraus zu machen, das so erfolgreich ist, dass es gleich zwei gute Dinge mit sich bringt: Es erweckt die ursprünglichste aller Druckarten wieder zum Leben und produziert gleichzeitig wunderschönes modernes Design. In Sydney gibt es eine Druckerei, die mit Bleisatz-Druckmaschinen aber ohne eigentlichen Bleisatz arbeitet. Stattdessen werden vorgefertigte Druckplatten verwendet, die jegliches Design möglich machen. Achja und die Namen dieser alten Maschinen sind übrigens Wolfgang, Heidi und Klaus. Sie kommen nämlich – wer hätte es gedacht – auch aus Deutschland.

No worries!
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Eingestellt von : Nina Fischer
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Leider nein!

Engstirnig, respektlos, unehrlich und unzuverlässig. Das sind die vier Worte die mir einfallen, wenn ich Sydneys Kreativbranche bzw. die Menschen die dahinter stecken beschreiben muss. Nach sieben Monaten Jobsuche, 137 Bewerbungen und etlichen Interviews habe ich Sachen erlebt, die mir keiner glaubt ...

Leute die mir einen Vollzeitjob angeboten haben und sich dann einfach nicht mehr melden, weil sie es sich anders überlegt haben, Leute die wollen, dass du gratis ein paar Monate auf Probe als Praktikant arbeitest, Leute die einen Jobanzeige schalten und dir dann während dem Interview erklären, dass sie momentan eigentlich gar keine freie Stelle haben und nur mal schauen wollten, was der Markt für Designer zu bieten hat, Leute die mir das Feedback geben, ich wäre zu wenig enthusiastisch und locker und hätte meine Persönlichkeit nicht gezeigt (da hab ich wohl wieder mal das Dauerlächeln vergessen), Leute die dich vertrösten, dass demnächst eine Stelle frei wird, die aber nie frei wird, Leute die mit dir einen Termin ausmachen, dich eine halbe Stunde warten lassen und sich nicht mal dafür entschuldigen, Leute die gar nicht mehr aufhören meine kreative Arbeit zu loben und mir dann aber erklären, dass meine Aufgaben im Büro mehr administrative Tätigkeiten wären, Leute die Bedenken haben, mich auf Grund kultureller Differenzen einzustellen (das könnte sich ja negativ auf die Arbeit auswirken), Leute die dich überreden zwei Tage unbezahlt auf Probe zu arbeiten und nicht mal den Anstand haben, dir wenigstens einen Kaffee anzubieten, Leute die dir einen Freelance Auftrag geben und dir unter den großartigsten Ausreden die Daten nie zukommen lassen, Leute die meinen, sie können mich unmöglich einstellen, wenn ich keine Arbeitserfahrung in Australien habe (weil was andere Länder machen, das interessiert uns ja nicht), Leute die dich für eine Woche als Freelancer buchen, es sich aber einen Tag vorher anders überlegen, Leute die zu feige sind dir ins Gesicht zu sagen, dass sie dich nicht wollen und stattdessen bedauern, sie hätten keine freie Stelle und einen Tag später aber eine Jobanzeige schalten, Leute die meinen, sie hätten Angst dass mein Englisch zu schlecht wäre (obwohl mein Englisch sehr gut ist), Leute die dir sagen, sollte ich den Job bekommen, muss ich aber bereit sein mit kurzem Rock, High Heels und geschminkt ins Büro zu kommen, Leute die Bewerber ohne »Permanent Residency« von vornherein ausschließen (obwohl ich mit meinem Visum uneingeschränkt hier leben und arbeiten darf), Leute die dich um sechs Uhr abends anrufen und ganz dringend am nächsten Tag einen Freelancer brauchen, wenn du am nächsten Tag schließlich im Büro ankommst, meinen sie aber locker lässig: »Ach, das hat sich bereits erledigt!«.

Was ist also los mit den Menschen hier? Sind das alles nur Schwätzer, viel leere Luft und nichts dahinter? Kann man hier gar niemandem vertrauen? Ist Australien rassistisch? Sind die Aussies gar weltfremd? Oder ist das einfach nur die Großstadt?

Fakt ist, dass viele Australier ihr eigenen Land nie verlassen haben und es interessiert die meisten Menschen hier auch sonderlich wenig, was im Rest der Welt passiert. Außerdem ist der »Rest der Welt« ja auch weit, weit weg. Außer Sichtweise quasi. Auch kann man deshalb glaub ich allgemein sagen, dass Australien nicht in demselben Ausmaße an Globalisierung teilnimmt, als das in Europa der Fall ist. Über den eigenen Tellerrand wird hier eher selten hinaus geschaut. Manchmal kommt es mir also so vor, als würde ich auf einer kleinen isolierten Insel leben, die eigentlich keine Ahnung vom Rest der Welt hat. Und es stimmt irgendwie ja auch.

Und doch ... es gibt Hoffnung. Australiens Gesellschaft ist noch nicht am Ende der Menschlichkeit angelangt (nur über die Kreativbranche mache ich mir ehrliche Sorgen). In dem Café in dem ich als Bedienung arbeite, hatten sie weder Bedenken mich einzustellen, obwohl ich null Erfahrung im Gastgewerbe habe, noch hatten sie Angst davor, dass kulturelle Differenzen die Gäste vertreiben könnte. Des weiteren wurde ich fürs Probearbeiten angemessen entlohnt und bekomme so viel Kaffee und Essen, wie ich mag. Hier galt ganz einfach die Devise: Komm vorbei, beweise dich und wenn du den Job gut machst, dann passt das für uns. Man muss aber auch dazu sagen, dass die Besitzer und die Angestellten keine typischen Australier sind, sondern ihre Wurzeln alle woanders haben.

Für die Kreativbranche sehe ich aber schwarz. Die Konkurrenz und die Zahl an arbeitslosen Grafikern ist hier unglaublich hoch. Es macht die Sache auch nicht einfacher, dass es neben den vielen Ausländern die ihr Glück hier versuchen (mich eingeschlossen), auch mehrere Unis gibt, an denen man Grafik Design studieren kann und nebenher noch mindestens vier oder fünf Colleges – manche ohne jegliche Zugangsbeschränkungen – an denen man sich in kürzester Zeit zum Designer ausbilden lassen kann. Der Markt wird also regelrecht überschwemmt mit kreativhungrigen Grafikern, die wenigsten von ihnen bekommen aber einen Job. 100 Bewerbungen innerhalb der ersten 24 Stunden für eine freie Stelle in einem renommierten Büro sind absolut keine Seltenheit. Wie soll man sich hier als Ausländer gegen die restlichen 99 durchsetzen, in einem Land in dem man am liebsten alles auf die australische Art hat und Erfahrung im Ausland nichts wert ist?

In solchen Situationen kann man nicht anders, als das Bildungssystem in Frage zu stellen. Macht es wirklich Sinn, dass hier JEDER ohne Einschränkung oder Aufnahmeprüfung die Chance hat, als Grafiker ausgebildet zu werden? Auch wenn die Branche total übersättigt ist und die meisten niemals einen Job bekommen werden? Die Folge davon ist nämlich genau der Zustand, den ich hier und jetzt erlebe. In der Kreativbranche muss man weder aufgeschlossen, weltoffen, ehrlich, noch zuverlässig sein oder seine Mitarbeiter respektvoll behandeln. Da warten nämlich noch genug andere vor der Tür, die um jeden Preis alles tun würden, um einen Job zu bekommen.

No worries?
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Eingestellt von : Nina Fischer
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